Ein geschützter Raum für LGBTIQ+:Die BARMER schließt Versorgungslücken durch geschultes Fachpersonal, diskriminierungsfreie Beratung und gezielte Unterstützung im Gesundheitssystem.
Maria Hinz (sie/ihr) Teamleiterin Gesunde Arbeit, Diversity, Nachhaltigkeit und CDR
Was motiviert euch, eine queersensible Sonderhotline anzubieten – und warum ist es euch wichtig, gezielt auf die Bedürfnisse von LGBTIQ+ Personen einzugehen?
Wir setzen uns für die Gesundheit unserer Versicherten ein und nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung ernst. Das umfasst alle Menschen und bezieht jegliche Identifizierung oder sexuelle Orientierung mit ein. Deshalb sollte unserer Meinung nach die Gesundheit der queeren Community nicht auf einen Monat durch Aufmerksamkeit beschränkt sein, sondern dauerhaft mitgedacht werden. Gerade in politischen Zeiten, wie heute.
Welche spezifischen Herausforderungen oder Versorgungslücken im Gesundheitssystem adressiert ihr mit diesem Angebot?
Wir adressieren geschlechterspezifische Bedürfnisse im Bereich der Medizin und Gesundheit. Im Kern geht es um die Ableitung, dass bspw. Frauengesundheit bereits in Teilen der Medizin unterrepräsentiert ist. Davon ausgehend bestehen Herausforderungen in geschlechterspezifischen Fragen. Wir möchten Lösungen schaffen und denken über bspw. telemedizinisch spezialisierte Angebote nach, um u.a. Bedürfnisse der queeren Community zu bedienen und sie in Ihrer Gesundheit zu stärken.
Wie stellt ihr sicher, dass die Hotline von Anfang an queersensibel und diskriminierungsfrei gestaltet ist – etwa in Sprache, Personal oder Prozessen?
Wir arbeiten mit der SHL-Gruppe (www.shl-telemedizin.de) zusammen. Deren Mitarbeitende sind generell sehr aufgeschlossen und queer-freundlich. Deshalb ist es deren eigene Motivation sich hier aktiv einzubringen. Wir legen außerdem Wert auf zielgerichtete Schulungen für diskriminierungs- und gewaltfreie Kommunikation.
Wie bereitet ihr das medizinische und psychologische Fachpersonal auf den Umgang mit queeren Anliegen vor? Nutzt ihr Schulungen, Leitfäden oder Kooperationen mit Community-Organisationen?
Die ärztliche Direktorin der SHL- Gruppe nimmt sich Zeit und schult die Mitarbeitenden vor Start der Hotline zu spezifischen medizinischen Fragen, Kontaktpunkten und Rahmenbedingungen. Die Teamleiterin übernimmt die kommunikativen Parts. Wissen wir mal etwas nicht, dann recherchieren wir und melden uns mit Antworten. Heute bedienen wir uns an den verfügbaren Quellen, das Wissen der Mitarbeitenden und einschlägigen Plattformen, um z.B. queer-spezialisierte Arztpraxen zu finden. Dazu nutzen wir auch unsere Partner und Partnerinnen, wie die Uhlala-Group.
Welche Themen oder Anliegen erreichen euch besonders häufig – und was sagt das über die Realität queerer Gesundheitsbedarfe aus?
Die Fragen sind Spiegel der Realität. Sexuelle Identität und Orientierung sind weiterhin ein von Diskriminierung geprägtes Thema (s. FRA). Die gesellschaftspolitischen Veränderungen der letzten Jahre erschweren die Normalisierung. Das führt zu veränderten Verhaltensweisen, einer Gefahr der wieder zunehmenden Tabuisierung und ggf. ausbleibende oder zu häufig wechselnde Arztkontakte. Diesem Stress und der Angst wollen wir begegnen.
Die Schwerpunkte der Hotline:
Welche Wirkung beobachtet ihr bisher – zum Beispiel in der Nutzung, im Vertrauen der Community oder in der öffentlichen Wahrnehmung des Themas queere Gesundheit?
Der mediale und (weltweite) politische Eindruck hinterlässt das Gefühl, dass Vielfalt und Rechte der Community gefährdet sind. Das Bild zeichnet sich durch Agenden einzelner Länder und zunehmende Protestbewegungen. Das schlägt sich auf das Verhalten der Menschen und deren Gesundheit nieder.
Mit welchen Herausforderungen geht ihr auf dem Weg um, und welche Learnings gebt ihr daraus weiter?
Wir möchten stetig lernen und uns verbessern. Deshalb nutzen wir die Hotline als Chance für beide Seiten. Wir wollen wissen in welche Richtung wir uns bewegen sollten, um passgenaue Gesundheitsangebote aufzubauen. Wir erhoffen uns Einschätzungen, inwieweit wir telemedizinische Ansätze prüfen oder stärker auf präventive Ansätze eingehen.
Welche nächsten Schritte plant ihr, um das Angebot weiterzuentwickeln und noch stärker in der Community zu verankern?
Wir planen in mehreren Schritten. Wir starten bei unseren Mitarbeitenden mit einer Pride-Hotline. Daran wollen wir lernen und eine öffentliche Hotline vorbereiten. Die Erkenntnisse aus den Fragen und Bedürfnissen sollen uns weitere Ansätze liefern, mit welchen Partnerinnen und Partnern wir uns vernetzen sollten oder welche Gesundheitsangebote am Markt existieren und mit welchen Playern wir dazu sprechen sollten.